Zeitlos elegant und mitreißend swingend – Ella-Fitzgerald-Live-Album erschienen
“The Moment Of Truth” enthält unveröffentlichte Aufnahmen eines Konzerts, bei dem Ella Fitzgerald 13.000 Zuhörer mit von ihr nie zuvor gesungenen zeitgenössischen Popsongs und goldenen Oldies aus der Frühzeit ihrer Karriere begeisterte.
Ella Fitzgerald "The Moment Of Truth"
27.02.2025
Mehr als jedes andere Genre ist der Jazz eine Live-Musik. Denn er lebt seit jeher von der Spontaneität, der Improvisation und der Interaktion mit dem Publikum. Und genau das ist es, was jedes Konzert für die Zuhörer zu einem einzigartigen und unwiederholbaren Erlebnis macht – und für die Musiker zur Stunde der Wahrheit. “The Moment Of Truth” ist auch der Titel eines neuen Albums mit einem nie zuvor veröffentlichten Konzertmitschnitt von Ella Fitzgerald aus dem Jahr 1967. Entdeckt wurden die von Wally Heider technisch hervorragend aufgenommenen 4-Spur-Bänder des Mitschnittes erst vor kurzem in der privaten Tonbandsammlung des 2001 verstorbenen Norman Granz, der über Jahrzehnte hinweg Ellas Produzent, Manager, Mentor und Freund gewesen war.
Als Ella Fitzgerald am 30. Juni 1967 im restlos ausverkauften Coliseum von Oakland vor 13.000 Zuhörern auftrat, befand sich ihre Karriere in der Schwebe. Ihr Vertrag mit Verve Records, dem Label, das Norman Granz 1956 eigens für Ella gegründet hatte, war nach zehn erfolgreichen Jahren vom neuen Besitzer MGM überraschend aufgekündigt worden. Im Juli 1966 hatte Ella noch unter der Regie von Granz “Whisper Not” aufgenommen, ihr letztes Studioalbum für Verve. Und obwohl Granz weiterhin ihre Tourneen und Auftritte managte, sollte es sechs Jahre dauern, bis er das nächste Album (“Ella Loves Cole” für Atlantic Records) mit der “First Lady Of Song” produzierte.
Zur gleichen Zeit tourte Ella zwischen 1965 und 1968 regelmäßig im Doppelpack mit dem Duke Ellington Orchestra, wobei der Bandleader gelegentlich für ein paar Feature-Nummern den Platz von Ellas Pianist Jimmy Jones übernahm. Bei dem Konzert in Oakland gesellte sich der Duke selbst zwar nicht zu Ella und ihrem Trio (das neben Jimmy Jones noch aus dem jungen Bassisten Bob Cranshaw und dem Schlagzeuger Sam Woodyard bestand) auf die Bühne, dafür aber die Bläserstars seines Orchesters: darunter Cat Anderson, Mercer Ellington, Cootie Williams, Lawrence Brown, Harry Carney, Paul Gonsalves, Jimmy Hamilton und natürlich Johnny Hodges.
Bei dem Konzert überraschte Ella Fitzgerald mit der Interpretation einiger zeitgenössischer Popsongs, die sie nur vorübergehend im Programm und nie zuvor aufgenommen hatte. Aber was sie mit ihnen anstellte, ist einfach spektakulär. Eine dieser “neuen Sachen”, wie Ella die Lieder in der Anmoderation nonchalant nennt, ist das durch den Crooner Tony Bennett bekannt gewordene Stück “The Moment Of Truth”, mit dem sie das Konzert enorm swingend eröffnet und das Publikum sofort begeistert. Noch stürmischer feiern die Zuhörer Ella, als sie mit ihrer ganz eigenen Magie zwei der größten Hits des Jahres 1966 noch mehr Glanz verleiht: dem pfiffigen Bob-Crewe-Ohrwurm “Music To Watch Girls By” und der bittersüßen Ballade “Alfie” von Burt Bacharach und Hal David. Wenn man ihre traumhafte Version hört, fragt man sich unwillkürlich, warum Granz nach diesem Konzert nicht gleich ein ganzes Album mit Stücken des erfolgreichen Songwriter-Gespanns für Ellas legendäre “Songbook”-Reihe produziert hat. Es wäre garantiert ein weiterer Bestseller geworden.
Andere Songs wie “Don’t Be That Way”, “Let’s Do It” und “Bye Bye Blackbird” sind goldene Oldies aus der Zeit, als die junge Ella mit den Orchestern von Chick Webb und Benny Goodman auftrat. Mit “In A Mellow Tone” verneigt sie sich zudem vor ihrem damaligen Tourpartner Duke Ellington. Einen mehr als würdigen Abschluss findet das rund 40-minütige Konzert mit dem Titelsong des 1960 erschienenen Fitzgerald-Klassikers “Ella In Berlin”: “Mack The Knife”.